
Sverige på längden/Schweden der Länge nach
- Ob du es glaubst oder nicht, ich hab es getan. Ich hab es wirklich getan.
- Was hast du getan?
- Na, ich hab mir einen Traum erfüllt.
- Was für einen Traum hast du dir erfüllt?
- Nun ja, seit Jahren träume ich davon, dieses Land, in dem ich lebe, mal in seiner ganzen Länge zu durchwandern. Von Süden nach Norden.
- So, und das hast du jetzt gemacht?
- Ja, das hab ich jetzt gemacht. Aber am besten, ich erzähl alles mal der Reihe nach.
Es war so zu Beginn des Jahres 2022, da reifte die Idee zu ihrer vollen Größe heran. Ich beschloß, dieses Jahr soll es sein. Ich würde also den ganzen Weg von Smygehuk, dem südlichsten Punkt Schwedens, nach Treriksröset, dem nördlichsten Punkt Schwedens, an einem Stück und allein wandern. Da "sverige på längden" (= Schweden der Länge nach) keinen markierten Wanderweg darstellt, sondern eher als Projektidee zu verstehen ist, gibt es auch nur die 2 Fixpunkte, eben Smygehuk und Treriksröset. Dazwischen wählt man sich den Wegverlauf selbst. Und das ist so ganz nach meinem Geschmack.
Mein grober Plan war folgender: von Smygehuk aus parallel zur Westküste in Richtung Norwegen, dann auf Höhe von Uddevalla zum Westufer des Vännern und weiter längs der Grenze zu Norwegen bis Treriksröset. Dabei wollte ich soweit wie möglich vorhandene Wanderwege nutzen. Ich würde demnach auf eine Streckenlänge von knapp 3000km kommen. Dafür plante ich in etwa 120 Tage ein.
Alles in mir will dieses Abenteuer erleben.
Trelleborg
Eine fast 24stündige Non-Stop-Reise mit Bus und Bahn von Arvidsjaur aus in den südlichsten Teil des Landes liegt nun hinter mir. Ich bin ziemlich sehr müde und aufgedreht zugleich. Geht das denn überhaupt? Ja schon, zumindest genauso fühlt es sich für mich an.
Smygehuk
Die Augen können gar nicht genug bekommen vom Anblick des Meeres und der Vegetation. Hier unten im Süden ist bereits der Frühling in vollem Gange. Es ist schon unglaublich warm. Trotz einer leichten Brise wechsle ich sofort meine Kleidung zu Shorts und Shirt. Die Wiesen tragen bereits ein kräftiges Grün. Löwenzahn, Gänseblümchen und einige andere Pflanzen sind bereits am Blühen. Später am Tag werde ich sogar noch Bärlauch finden. Überall singen und zwitschern die Vögel. Nach dem langen Winter im Norden eine sehr willkommene Abwechslung. Einfach herrlich.
Ich setze mich ans Ufer und berühre das Wasser. Möchte erstmal verweilen und mir bewusst werden, was jetzt gleich beginnen wird. Aber eigentlich hat es schon längst begonnen.
Ich bin freudig gespannt diese Wanderung anzugehen. Alles in mir will dieses Abenteuer erleben. Dabei hab ich sowas von keine Ahnung was da auf mich zukommt! Keine Idee davon, was es bedeutet 3.000 km an einem Stück zu wandern. Ich hatte allerdings schonmal bei der konkreten Planung festgestellt, wie sehr mich das stresst, wenn ich für jeden Tag im voraus festlegen will, welche Tagesstrecke ich zurücklegen werde. So kam es, dass ich beschloss, ich verlasse mich auf Körpergefühl und Intuition betreffend das tägliche Wanderpensum. Daneben würden solche Faktoren wie Wetter, Wegprofil, Wegbeschaffenheit, die aktuelle Leistungsfähigkeit und geeignete Lagerplätze eine Rolle spielen.
Also keine im voraus geplanten Etappen, sondern Tag für Tag erfahren, wie weit die Reise geht. Ob das wohl gut gehen würde? Ich meine, so wäre es genau das Richtige für mich. Zumindest im Moment.
Das Rauschen der Meeresbrandung hat etwas beruhigendes an sich. In Gedanken möchte ich nochmals meine Checkliste zum gefühlt hundertstenmal durchgehen. Die Ausrüstung, der Wegverlauf in den nächsten Tagen, den verpackten Proviant, die Mahnung an mich selbst, es gemächlich anzugehen und so weiter.
Aber plötzlich unterbreche ich mich selbst dabei und ich will einfach nur noch losgehen. Jetzt. Basta.
Während der ersten Meter sehe ich mit einemmal Bilder aus Agnieszkas erstem Video über Sverige på längden, auf meiner geistigen Leinwand. Sie hat den ganzen Weg vor zwei Jahren durchgezogen. Von ihren Berichten hab ich viel gelernt. Die Video-Bilder decken sich gerade mit den Eindrücken in der Gegenwart. Smygehamn, der kleine Hafen, die Boote, die alten Gebäude und natürlich der Platz (früher gabs hier eine Säule), welcher Schwedens südlichsten Punkt markiert.
Wir schreiben den 29. April 2022. Ich bin unterwegs. Das Beste was ich jetzt noch tun kann, ist, das Beste daraus zu machen.
In den nächsten Tagen und Wochen werde ich Teilen des Skåneleden, dann Hallandleden und Bohusleden folgen.
Balancieren überm Abgrund
Die ersten Tage sind ungewohnt warm. Die Sonne gibt alles und ich spüre bereits einen leichten Sonnenbrand auf den Waden. Na das geht ja gut los.

Am dritten Tag komme ich an einem aufgelassenen Steinbruch vorbei. Einige junge Leute haben es sich in der Nähe der Abbruchkante gemütlich gemacht. Sieht aus wie Picknick. Aber sie schauen immer wieder gebannt in eine gewisse Richtung zum Steinbruch und diskutieren eifrig über irgendwas, nur verstehe ich nicht worum es geht. Ich brauch ein paar Momente, bis ich gerafft hab, warum: Über den mit Wasser gefüllten Steinbruch hinweg ist eine Slackline gespannt. Schätzungsweise 50m lang, hängt in der Mitte etwas durch, kein Wunder bei der Distanz. Und jetzt erst bemerke ich den jungen Typen, der auf der Slackline sitzt. Ein paar Mal versucht er wieder drauf zu steigen, aber verliert jedesmal den Kampf mit der Schwerkraft. Wie gut, dass er mit einem kurzen Seil gesichert ist. Es geht da sicher 20 bis 30m in die Tiefe. Zu guter Letzt zieht er sich an der Line hängend zur sicheren Kante zurück. Uiiiih dieses Balancieren über diesem Abgrund, das wäre aber garnix für meinen Vater seinen Sohn. Aber es ist cool, dass diese jungen Menschen sich solchen Herausforderungen stellen. Mit diesen Gedanken im Kopf setze ich meine Wanderung fort.
Die 100-km-Marke
Im Laufe des 4. Wandertags erreiche ich die imaginäre 100-km-Marke. Woher ich das weiss? Ich habe einen Schrittzähler dabei, der auf meine Schrittlänge eingestellt ist. So informiert er mich am Ende des Tages über die ungefähre zurückgelegte Distanz. Und das Ungefähr reicht mir auch schon. Es motiviert mich trotzdem und ich bin stolz auf jeden Kilometer.
Die traditionelle Entfernungsangabe in Schweden ist die Meile. Auf dem Lande spricht man meist nur von "mil" und nix von Kilometern. Aber aufgepasst: Die schwedische Meile ist 10 km lang!
Im übrigen werde ich im nächsten Jahr beschliessen, keine Distanzen mehr zu messen. Warum es so kommen wird und was dahinter steckt, ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Der fast taube Däne von Knäred
Kurz vor Knäred im südlichen Halland komme ich an einem kleinen alten Bauernhof vorbei. Neben den alten Gebäuden wird gerade an etwas Neuem gebaut. Sieht aus wie ein zweistöckiges Gewächshaus mit Anbau an einer Seite. Das erregt meine Neugier. Beim Näherkommen kann ich sehen, dass jemand am Dach arbeitet. Und wie sich herausstellt ist es der Besitzer und Erbauer. Wir kommen ins Gespräch. Das heisst, eigentlich brüllen wir die ganze Zeit, weil der Daniel mir mitteilt, dass er sehr schwerhörig ist. Ich soll ihn ruhig anschreien, das wäre okay, ansonsten könnte er mich nicht verstehen. Er erklärt mir, dass gemeinsam mit seiner Frau sie den alten Hof selbst wieder hergerichtet haben. Und das neue Gebäude wird eine Mischung aus Kaffeehaus, Treffpunkt und Gewächshaus. Letzteres funktioniert bereits recht gut. Hier gedeihen sogar Zitrusbäume. Er entschuldigt sich noch dafür, dass er mir keine Bewirtung anbieten kann, aber er hat grad soviel zu tun bevor der Regen kommt. Es war eine interessante und inspirierende Begegnung und ich setze meine Weg nach Knäred fort.
Im übrigen ist Knäred bekannt geworden durch den "Frieden von Knäred" im Jahre 1613. Dadurch fand der sogenannte Kalmarkrieg zwischen Dänemark und Schweden sein Ende.
Schottische Abendgesellschaft
An diesem Abend fand ich einen Windschutz am Waldrand weitab von der letzten Ortschaft. Nur ein grösserer Bauernhof befand sich in Sichtweite. Der Platz lag etwas erhöht von den umliegenden Weiden im Schutze einiger grosser alter Eichen. Auf den letzten Kilometern hierher war ich ein paar Mal an Wiesen vorbei gekommen auf denen Rinder weideten. Aber nicht irgendwelche Rinder sondern Schottische Hochlandrinder. Sie haben so ein unglaublich dichtes und langes zotteliges Fell von hellbrauner bis dunkelbrauner Farbe. Und grosse dunkle sanfte Augen. Man möchte sie am liebsten sofort streicheln. Ihr Charakter ist eher friedlich, solange man ihnen keine Gewalt antut. Dann nämlich können diese eher nicht so grossen Tiere gewaltige Kräfte der Gegenwehr entwickeln.
Als ich es mir an meinem Nachtplatz gemütlich machte, bekam ich Besuch. Von genau diesem niedlichen Zotteltieren. Die Weide grenzt genau an den Platz mit dem Windschutz. Und offensichtlich hat sie ihre Neugier dazu gebracht, nachzuschauen, wer da sein Lager aufschlägt. So kam ich in den Genuss so einer feinen Gesellschaft. Am nächsten Morgen waren sie weiter gezogen und ich konnte mich noch nicht mal verabschieden.
Der Steinmetz von Hjärtum
Es regnete jetzt schon den zweiten oder dritten Tag mit nur kurzen Unterbrechungen. Wenn die Tage so gleichförmig und regnerisch sind, vergess ich abundan auf die Zeitrechnung. Ich sehne mich dann nur noch nach Sonne. Weil sie Wärme und Licht bedeutet und alles wieder trocknen lässt.
Schweren Herzens hatte ich mich untertags beschlossen, heute ein Zimmer mit Dusche zu suchen. Es erschien alternativlos, weil hier in der Gegend kurz vor Trollhättan gabs keine Shelter mehr. Und ich wollte dringend meine Sachen wieder mal trocken bekommen.
Gegen Abend gelangte ich zu einem Hof, der Zimmer anbot. Jedenfalls stand es auf dem Schild an der Strasse. Ich fragte also nach und bekam zur Antwort, dass leider nix mehr frei war. Aber man würde gleichmal Lolo anrufen, der wohnt nur paar Häuser weiter. Man spricht seinen Namen im schwedischen wie Lulu. Also Lolo ist Steinmetz und Künstler. Sein Metier ist alles aus Stein, wie sich erahnen lässt. Und Lolo hatte ein Zimmer mit Dusche für mich. Bingo.
Es wurde ein Abend mit sehr interessanten Gesprächen. "Über Gott und die Welt" haben wir geredet. Und ich hatte viele Fragen an ihn, was seine Steinkunst betraf.
Nach einem gemütlichen Kaffee am Morgen und mit getrockneten Kleidern machte ich mich wieder auf den Weg.
Die 1. richtig grosse Krise
Entlang des Götastroms ging es Richtung Vänern-See. Nach den kühlen Regentagen heut ein wirklich heisser Tag. Die Sonne brennt erbarmungslos. Leider ist der Anteil an Asphaltgehen jetzt gerade mal aussergewöhnlich hoch. Was für eine schweisstreibende Kombination. Bereits vor Trollhättan spüre ich Spannung und Schmerz im linken Unterschenkel und Fussgelenk. Ich versuche während des Gehens meine Bewegungsmuster zu erkunden und zu verbessern. Wie setze ich die Füsse auf und wie rolle ich ab? Mehr auf Aussenkante oder knicke ich nach innen um? Belaste ich mehr auf einem Bein? Gibt es Unterschiede zwischen links und rechts? Bewegen sich die Hüfthöcker gleichmässig? Ziehe ich eine oder beide Schultern hoch?
Dann erreiche ich das Trollhättan-Einkaufscenter, etwas ausserhalb der Stadt am anderen Ufer des Götastroms. Ich hol mir was zu trinken und mache Rast im Schatten. Nachdem ich mich der Schuhe und Socken entledigt hab, sehe ich was los ist. Der linke Unterschenkel ist vom Fussgelenk bis unters Knie deutlich angeschwollen und schmerzhaft. Lymphödem nennt man das wohl. Aber wieso, weshalb, warum? Viele Fragen, keine Antwort! Der Schmerz wäre ja noch irgendwie zu ertragen, aber der Anblick des geschwollenen Fusses lässt Panik in mir aufsteigen. Es fühlt sich an wie die Katastrophe schlechthin! Das kann doch nicht jetzt schon alles vorbei sein?
Stop! Erstmal runter fahren und versuchen kühlen Kopf zu bekommen, sage ich mir wie ein Mantra ständig vor. Gar nicht so einfach. Ich hinke in die nahegelegene Apotheke und besorge mir Voltarensalbe. Und irgendwie muss ich noch aus diesem urbanen Gebiet raus. Ich wüsste nicht, wo ich hier mein Zelt aufstellen und vielleicht ein paar Tage rasten kann. Und ausserdem will ich mir nicht eingestehen, dass dies bereits das Ende ist. Jedoch weiss ich noch überhaupt nicht, wie ich aus der Nummer raus komme.
Es wird noch einer meiner längeren Wandertage auf dieser Tour. Der Tacho zeigt am Ende 45 km an. Die Voltarensalbe scheint marginale bis keine Wirkung zu zeigen, nur das in Bewegung bleiben hilft dem Kopf und dem Körper. Die Gegend ist so verbaut, dass ich lange Zeit keinen akzeptablen und sichtgeschützten Schlafplatz finden kann. Gegen 23 Uhr biwakiere ich, notdürftig gegen Sicht geschützt in einer Ferienhaussiedlung neben ein paar Büschen. Ich programmiere mir das erstemal die Weckerfunktion auf dem Mobiltelefon. Ich will am Morgen sehr früh hier weg sein, bevor die ersten Leute auftauchen. Kaum in Liegeposition bin ich auch bereits eingeschlafen.
Am nächsten Morgen alles ohne Veränderung. Ich gehe noch einige Kilometer bis zum Campingplatz in Sikhall und miete mich für 3 Tage in einer kleinen Hütte ein.
Die Zeit verbringe ich mit Wasseranwendungen, Lymphmassage, ein wenig spazieren gehen und mentaler Arbeit. Und letzteres wird den Ausschlag geben und das Ganze zum Guten wenden. Wieso das? Ich erinnerte mich daran, vor einem Jahr auf der Website von Johanna Öhrling, einer jungen schwedischen Frau, etwas über ein sogenanntes TMS-Syndrom gelesen zu haben. TMS steht für Tension-Myositis-Syndrom. Ich versuche mich kurz zu fassen: Physische Symptome wie körperlicher Schmerz und Organdysfunktionen können getriggerte Reaktionen sein auf unterbewusste mentale und emotionale Phänomene wie unterdrückte oder verdrängte Emotionen. John Sarno, auf den dieses Konzept zurück geht, konnte in 30 Jahren Forschung und Praxis zeigen, dass Schmerz eine Reaktion auf einen psychologischen Sachverhalt sein kann und hat die Wirkungsweise unseres Unterbewusstsein charakterisiert. Anders ausgedrückt ist TMS ein milder Sauerstoffmangel im Gewebe, der starke Schmerzen hervorrufen kann, aber reversibel ist. TMS ist verbreiteter als man annehmen könnte. Die gute Nachricht dabei: Wenn man erstmal das Wissen hat, wie das alles zusammenhängt, dann kann Wege finden seinem Unterbewusstsein klar zu machen, es gibt keine lebensbedrohliche Situation. Wenn es dich erhört, verschwinden die Schmerzen.
Nach 3 Tagen ruhen und mentaler Arbeit hatte ich Hummeln im Hintern. Vielleicht ein Zeichen, dass es doch weitergehen kann? Der Fuss war noch nicht zu 100% wiederhergestellt, aber der Schmerz nur noch gering. Ich beschliesse mit reduzierter Geschwindigkeit, mehr Pausen und kürzeren Tagesetappen geht es weiter. Und es hat funktioniert! Nach etwa 1 Woche konnte ich wieder loslegen als wäre nix gewesen.
Eine Überraschung der anderen Art
Ich bin im Drevfjäll auf dem Weg nach Flötningen. Es ist ein warmer Tag, blauer Himmel, Sonnenschein. Es ist Anfang Juni und der Sommer schickt seine ersten Vorboten. Komme ich an einer Wiese vorbei, dann wachsen da bereits einige Pflanzen wie Habichtskraut und Löwenzahn. Die Wärme macht auch, dass es im Wald so gut nach Baumharz duftet.
Am späten Nachmittag erreiche ich Id-Persätern. Hier steht ein kleiner, alter und verlassener Bauernhof. Vor Jahren wurde das Wohnhaus einigermassen restauriert und ein Raum ist offen zugänglich. Es ist wie überall aus diesen Zeiten ein kleiner Raum, der Platz hat für einen offenen Kamin und einen Tisch. Und drumherum an den Wänden stehen Bänke. Alles ist sehr alt, wirkt jedoch gepflegt.
Eine grosse Wiese mitten im Wald im Nirgendwo umgibt das Häuschen. Ich bin natürlich neugierig und will mich etwas umsehen. So gelange ich hinter das Haus. Und was sehe ich dort? Im Gras direkt an der Rückwand, die noch von der Sonne warm ist, liegt zusammen gerollt eine Kreuzotter. Schwarz schimmert ihr Schuppenkleid im Licht und nur schwach erkennbar das ZickZack am Körper. Sie wirkt ziemlich gross aber das kann auch täuschen. Noch reagiert sie nicht auf mein Erscheinen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, diese wundervolle Schlange zu fotografieren. Es vergeht noch eine Weile bis sie sich doch gestört fühlt und den Heimweg antritt. Als sie sich wegschlängelt, bekomme ich einen Eindruck von ihrer ganzen Pracht. Das ist mit Abstand die grösste Kreuzotter, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Ich schätze ihre Länge auf einen knappen Meter.
Ankarede – ein Meilenstein.
Ankarede befindet sich im Norden Jämtlands nahe der norwegischen Grenze. Es ist seit den alten Zeiten, laut mündlichen Überlieferungen etwa ab dem 17. Jhd., ein Treffpunkt und Versammlungsplatz der in dieser Gegend lebenden Sami. Und dieser Platz ist noch immer lebendig. Hier stehen um die 30 Koten und manchmal wird noch neu gebaut oder Vergammeltes ersetzt. Es finden auch heute noch Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen statt.
Ankarede – ein Meilenstein.
Es trifft sich hervorragend, dass ich genau hier die 2.000 km voll mache. So kann ich eine freundliche Frau, die hier arbeitet, bitten, ein Foto von mir und der aus Ästen gelegten Zahl 2.000 zu machen. Wir waren vorher ins Gespräch gekommen und sie konnte mir einiges über die Geschichte von Ankarede mitteilen.

Rettung kommt unverhofft
Ich schätze, ich werde noch etwa 2 bis 3 Tage bis Hemavan benötigen. Aber heut schüttet es seit in der Früh so derartig, dass keine rechte Wanderfreude aufkommen will. Das Grau der Wolken vermischt sich mit dem Grau des Dauerregens ohne das man das eine vom anderen unterscheiden könnte. Obelix würde sagen, der Himmel fällt einem auf den Kopf. Ich patsche lustlos durch den Regen über den völlig aufgeweichten Weg. Ich versuche irgendetwas Ermunterndes in der Umgebung oder in meinen Gedanken zu finden. Das dürfte heut schwierig werden. Spät am Nachmittag komme ich mitten im Wald an ein paar Ferienhäusern vorbei. Niemand wohnt zur Zeit hier, sonst hätte ich mich überwunden nach Unterkunft zu fragen.
Ich bin mir sicher, es ist keiner da. Und dann mache ich etwas, was ich sonst nie tue. Ich setze mich auf eine überdachte Veranda und geniesse es mal ein paar Minuten im Trocknen zu sein.
An mir selbst ist kaum noch was trocken. Ich bin seit Stunden sozusagen nass bis auf die Haut. Diesen Dauerregen hält auf Dauer keine Regenjacke aus. Bei den Hosen ist es nicht so arg. Und solange ich in Bewegung bin, wird mir auch nicht kalt. Deswegen kann ich auch nur kurze Zeit hier sitzen.
Ich setze meine Weg durch den Regen fort. Es wird langsam duster und ich mach mir ernsthaft Gedanken, ob ich noch irgendwas Trockenes zum Übernachten finde. Das Zelt ist ja noch von gestern nass. Das wird eher ungemütlich, aber wenn es sein muss, dann ist es halt so. In Hemavan werde ich einen Tag in der Wanderherberge bleiben und alles trocknen. Jetzt habe ich ja doch noch einen tröstlichen Gedanken gefunden.
So trotte ich, in diese Vorstellung versunken, noch eine weitere Stunde durch den Wald.
Plötzlich ist da etwas Gelbes zwischen den Bäumen. Es bewegt sich auf mich zu. Nun ja, eine junge Mutter mit ihrem Kind. Beide in gelbe Regenmäntel gehüllt. Ich hätte hier niemanden im Wald erwartet. Die Überraschung ist auf beiden Seiten.
Hier draussen sich zu treffen, ist schon etwas speziell. Man geht nicht einfach aneinander vorbei. Nein, man spricht miteinander, woher, wohin. Auf meine Frage nach einem Shelter oder was ähnlichen hier in der Gegend, überlegt sie kurz. Dann antwortet sie, ihr Ferienhaus ist ganz in der Nähe und ich könnte doch bei ihnen in der Sauna übernachten. Sie würde nur gern noch mit ihrem Mann drüber sprechen. Dafür hätte ich sie beinahe umarmt. Ein Trail-Angel mitten im Nirgendwo, aber gerade zur rechten Zeit. Ich kanns kaum fassen.

Natürlich hat ihr Mann nichts dagegen. Die Beiden samt ihrer beiden Kinder sind so unfassbar nett. Ich bekomme die Sauna zum Trocknen und Übernachten. Dann werde ich auch noch ins Haus und zum Abendessen eingeladen. Während der Zubereitung der Mahlzeit, übernehme ich die Betreuung der beiden Kids. Und wir drei hatten unsren Spass dabei. Wir verbringen noch einen sehr netten, unterhaltsamen Abend miteinander. Ich schlafe dann unglaublich gut und mache mich zeitig am nächsten Morgen auf den weiteren Weg nach Hemavan. Meine Gastgeber schlafen noch, aber wir hatten uns am Vorabend ja bereits verabschiedet. Der Regen hat irgendwann in der Nacht aufgehört.
Warten auf ein Boot
Bei den Recherchen zu meiner Wanderung stiess ich auf eine nicht geringe Überraschung. Der Kungsleden endet bekannterweise in Abisko. So stehts jedenfalls geschrieben. Es gab jedoch bis in die 70er Jahre von Abisko aus eine Fährverbindung über den Torneträsk nach Laimoluokta. Von dort aus führte der Kungsleden weiter bis nach Treriksröset. Davon spricht heut aber keiner mehr. Der Fährverkehr wurde nach offiziellen Verlautbarungen aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Der Weg ist auf den Karten "Fjällkartan" BD1 und 3 noch eingezeichnet. Ich war sehr gespannt, was mich erwartet. Es sind etwa 200 km Weg fast ohne Infrastruktur. Unterwegs sollte es eine Sami-Sommersiedlung geben und 3 Schutzhütten. Den Weg wollte ich unbedingt machen.
Da gab es nur zwei Schwierigkeiten vorher zu überwinden. Zwischen Abisko und dem kleinen Hafen Torneträsk am gleichnamigen See gibt es keinen Wanderweg, nicht mal eine Nebenstrasse. Man darf die Distanz von etwa 40 km auf der Strasse E10 zurücklegen. Das wurde eine öde, nervige, lange Tagestour mit reichlich Verkehr. Im Hafen Torneträsk muss man das Glück suchen, dass man mit irgendeinem Boot mitkommt. Abundan fährt jemand übern See, jemand der in einem der wenigen und noch dazu sehr kleinen Dörfer auf der anderen Uferseite lebt. Diese Dörfer haben keine Anbindung ans Strassennetz. So bleibt ihnen nur das Boot und ein deponiertes Auto in Torneträsk, um sich mit allem notwendigen aus der nächsten Stadt versorgen zu können.
Nachdem ich mich vom Strassenverkehr auf der E10 erholt hatte, wartete ich am anderen Morgen am Hafen auf mein Glück. Die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen und so machte ich mir es gemütlich, soweit das möglich war. Es war bereits nachmittag als jemand kam und sein kleines Boot fertig machte. Als ich nach einer Mitfahrgelegenheit fragte, antwortete er, dass wäre an sich kein Problem, nur er fährt nicht auf die andere Seite. Er hat sein Ferienhaus ein Stück weiter östlich aber am selben Ufer. Dann kam ihm aber doch noch eine geniale Idee, wie er mir vielleicht helfen könnte. Er hatte ein Boot am Kai erkannt, dessen Besitzer ihm bekannt war und der in Lahteluokta am anderen Ufer wohnte. Wenn der sein Boot hier liegen hat, kommt er bestimmt heute noch zurück. Kurzerhand wählte er dessen Telefonnummer und siehe da, der Bootsbesitzer antwortete und meinte, ich sollte ruhig warten, er nimmt mich mit. Wieder so ein Trail-Angel, einfach grandios.
Ittecuolbma
Es ist ein frostiger und klarer Morgen. Das Zelt ist mit Raureif überzogen. Im Schlafsack ist es dagegen gemütlich warm. Eigentlich wärs auch denkbar noch eine Weile in selbigen zu verweilen. Ein kurzer Anruf beim Zimmerservice und das Frühstück inklusive heissen Kaffee bestellen. Aber es geht keiner ans Telefon. Das mag wohl dem Umstand geschuldet sein, das ich mich im Zelt mitten in der lappländischen Tundra befinde und es noch nicht mal ein Telefonnetz gibt.
Alsdann mit Schwung in den neuen Tag. Apropos Tag: Wieviele Tage brauchts noch bis zum Ende der Reise? So ganz klar ist es mir nicht, wieweit es noch bis Treriksröset sein wird. Schätzungsweise 3-4 Tage.
Je näher ich dem vermeintlichen Ende dieser Tour komme, desto öfter bemerke ich diese Ambivalenz in mir. Ein Teil von mir sehnt sich danach, endlich am Ziel anzukommen. Bringen wir es hinter uns. Ein anderer Teil wiederum kann sich gut vorstellen, daß es so weiter geht, noch weitere Tage, Wochen, vielleicht Monate, kein klares Ende in Sicht.
Am Abend erreiche ich Hurvejohka, eine Schutzhütte. Bereits seit einigen Stunden ist es bewölkt, rauher Gegenwind und nun hat es auch noch begonnen zu regnen. Die Schutzhütte kommt wie gerufen. Ich mache zwar kein Feuer im Ofen, weil ich meine, das Holz kann jemand in Notlage weitaus dringender gebrauchen als meiner einer. Jedoch vier Wände und ein Dach bedeuten wirklich viel hier draussen. Es ist ein wenig wärmer als vor der Tür und schließlich ist man vor dem lästigen Wind und dem Regen geschützt.
Der nächste Morgen wartet mit dem selben gruseligen Wetter wie gestern abend. Für mich stellt sich die Frage, welchen Weg gehe ich weiter. Ich habe 2 Optionen: es gibt einen Weg nach Westen zur Pältsastuga oder weiter in nördlicher Richtung direkt nach Golddaluokta. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung zum Treriksröset. Ich entscheide mich für letzteren.
Rutschpartie nach Golddaluokta
Auf der Hochebene Duoibal bläst ein abartiger Wind mir direkt ins Gesicht, dazu wirds immer kälter. Ich ziehe Handschuhe an und noch ein langarmiges Shirt unter die Regenjacke. Trotzdem wird mir nicht wieder warm. Ich fange schon mal leise an zu fluchen. Der Trail zieht sich in die Länge wie ein zäher Strudelteig. Der Abstieg nach Golddaluokta ist recht steil und teilweise ziemlich schlammig vom Regen. Ich gehe vorsichtig wie auf rohen Eiern. Und dennoch erwischt es mich. Ich drehe eine Pirouette und lande gnädigerweise auf dem Rücken. Der Rucksack dämpft den Sturz erheblich. Aber jetzt fluche ich laut. Dreimal. Dann muss ich über mich selbst lachen und bin sehr froh das nix kaputt gegangen ist.
Unten angekommen stelle ich erfreut fest, dass es auch hier eine Schutzhütte mit Ofen gibt. Aber heut heize ich ein und setz mich direkt davor. Soviel steht schon mal fest.
Nach Treriksröset sollen es nur 3 km sein. Die Frage, soll ich da gleich noch hin oder erst morgen früh, nagt in mir. Ich kann mich einige Zeit nicht entscheiden. Warum tu ich mir plötzlich so schwer damit? Schlussendlich bleib ich in der Hütte heut abend und geh dann morgen früh das letzte Stück. Warum soll ich jetzt so überstürzt zum Ende kommen, ermahne ich mich.
Es findet sich reichlich Brennholz für den Ofen und ich sitze davor und es wird ein wenig gemütlich. Ich entdecke eine Packung Ramen Nudeln. Schon viel davon gelesen und gehört. Ich werde das jetzt mal testen. Das Ergebnis ist erschreckend grauslig. Davon "leben" also Scharen von Hikern? Das wäre so gar nicht meins.
Es wird Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. Ich bekomme jedenfalls keinen "Besuch" mehr. Das ist gut so. Hab sowas von keinen Bock grad auf irgendeine Art von Gesellschaft.
Nach einer halbwegs gemütlichen Nacht erwartet mich ein saukalter Morgen. Aber immerhin ist es trocken. Ich frühstücke heute sogar. Lasse mir Zeit damit. Habs nicht eilig.
Als ich Treriksröset erreiche, bin ich der Einzige dort. Kein Mensch weit und breit. Also auch niemand, den ich hätte bitten können, ein abschließendes Foto von mir zu machen. Naja dann tuts halt auch ein Selfie. Mit klammen Fingern fotografiere ich mich selbst mit der Gelben Grenzrose im Hintergrund. Ich achte sorgsam darauf, daß mir das Handy wegen der kalten, beinahe gefühllosen Finger nicht ins Wasser fällt. Aber irgendwie geht alles gut. Als ich mir später die Fotos anschaue, wird mir klar, sie drücken genau das aus, was ich dabei empfunden habe: Warum kommt jetzt keine Euphorie und Feierstimmung auf? Ich habs geschafft. Ob du es glaubst oder nicht, ich bin den ganzen Weg von Smygehuk bis hierher zu Fuß gegangen, in einem Rutsch. Ich bin stolz darauf. Aber nun steh ich hier mit ganz viel Nebel in meinem Kopf. Und mir geht das grad alles überhaupt nicht nahe? Irgendwie erreicht mich das grad gar nicht. Ist es die ungemütliche Kälte? Bin ich ausgebrannt? Oder ist es die Tatsache, hier allein zu stehen ohne Publikum? Nein, das ist es nicht. Was ist es dann?
Ich höre in mich hinein, da ist keine Antwort.