Die Wiederentdeckung der Langsamkeit und des Nutzlosen

01/04/2020

Es ist noch reichlich Zeit bis zur Abfahrt des Bus. Mein Nachbar Sören war so hilfsbereit mich zur Busstation nach Arvidsjaur zu fahren. Wie das meiner Angewohnheit entspricht, sind wir zu früh gestartet. Aber ein wenig warten und sinnieren ist mir allemal lieber als sehr knapp vor der Abfahrt erst aufzutauchen oder den Bus zu verpassen.

Wohin geht die Fahrt und was habe ich überhaupt vor?

Ich fahre mit dem Bus nach Hemavan und beginne dort eine Wanderung, die dem Kungsleden und Nordkalottleden folgen soll. Diese beiden recht bekannten Wanderwege verlaufen längs der schwedisch-norwegischen Grenze. Der Kungsleden besteht eigentlich aus zwei Teilen, einem nördlichen und einem südlichen Teil. Leider gibt es keine offizielle Verbindung zwischen diesen beiden Abschnitten. Warum das so gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Der nördliche Teil ist der eigentliche Klassiker und verläuft zwischen Hemavan im Süden und Abisko im Norden. Den südlichen Teil, genannt Södra Kungsleden, findet man zwischen Stöten bei Sälen im Süden und Storlien im Norden. Der Kungsleden ist durchgehend gut markiert.

Der Nordkalottleden hat zwei alternative Anfangs- bzw Endpunkte, nämlich Sulitjelma oder Kvikkjokk im Süden und am nördlichen Ende Kautokeino. Er wechselt einige Male grenzüberschreitend zwischen Schweden und Norwegen. Und hat ein eher kürzeres Stück in Finnland, dass sich durch den nördlichen Zipfel des Landes zieht. Nach nahezu 16 Jahren der Vorbereitung wurde 1993 dieser Wanderweg offiziell eröffnet. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Tourismusverbände Norwegens, Schwedens und Finnlands.

Meine letzte grössere bzw. längere Wanderung liegt schon einige Jahre zurück. Die beruflichen Anforderungen liessen keinen Raum dafür zu. Andererseits habe ich all meine freie Zeit mit meinen Huskies verbracht. Ich habe knapp 30 Jahre mit Schlittenhunden gearbeitet. Und im Winter sind wir Touren, v.a. in Skandinavien, gefahren.

Das ist also nun ein Neuanfang für mich. Ich darf die Langsamkeit des Wanderns wieder entdecken. Und diese Art von Unterwegs sein ist so schön nutzlos für die Gesellschaft. Sie kann so gar keinen Mehrwert daraus schöpfen.

Von Hemavan aus führt mich der Kungsleden über das Norra Storfjället und Ammarfjället nach Ammarnäs. Der grösste Teil des Abstieg von der Aigertstugan nach Ammarnäs ist in einem miserablen Zustand, sehr schlammig und zertrampelt. Es würde sich anbieten einen alternativen Weg entlang des Stor-Tjulträsket zu nehmen.

Nächste Siedlung ist Adolfström. Hier gibt es einen netten kleinen Laden, der gleichzeitig auch eine Kaffeestube ist. Da lasse ich mir einen Kaffee und ein Eis schmecken. Auf dem ganzen Weg bis hierher liegt in den Höhenlagen immer noch reichlich Altschnee. Anfang Juni ist wohl noch zu früh diesen Weg zu machen, zumindest in diesem Jahr. In den Tälern beginnt es schon zu grünen, aber im Hochfjäll liegt noch zuviel Schnee. Das kann ziemlich mühsam sein, da die Schneedecke meist nicht mehr soviel Gewicht trägt und man bei jedem Schritt einsinkt. Besonders untertags wenn es warm ist. Und alle Bäche und Flüsse führen wegen der Schneeschmelze sehr viel Wasser. Nur gut dass es bisher keine Furten zu durchqueren gab.

In Jäkkvik gibt es einen grossen ICA-Supermarkt und man kann hier nochmals richtig aufbunkern. Die nächste Möglichkeit für Resupply ist erst wieder in Kvikkjokk. Dort gibt es aber nur einen kleinen Laden in der Fjällstation. Kleines Sortiment für teuer Geld. Es gibt keinen Supermarkt. Man könnte allerdings mit dem Bus von Kvikkjokk nach Jokkmokk fahren und dort einkaufen. Das sind rund 100 km.

Aber ich komme ja gar nicht bis Kvikkjokk. Nach der Tsielekjåkkstugan biege ich vom Kungsleden ab und gehe einen alten Pfad Richtung Nordwesten durchs Nirgendwo. Dieser unmarkierte Pfad ist in meiner Karte noch eingezeichnet. Schon nach kurzer Zeit ist er jedoch nicht mehr im Gelände ersichtlich. Jetzt bin ich auf die Karte und meine Intuition angewiesen. Ich navigiere übrigens mit der App Topo-GPS. Ich lade dazu die Karten und Kartenausschnitte, die ich benötige, zuhause auf mein Mobiltelefon herunter. Danach kann ich das alles off-line nutzen. Das spart Akkulaufzeit und Internetempfang hat es im Fjäll sowieso nicht.

Gleich zu Beginn treffe ich auf einen relativ frischen Kothaufen eines Bären. Es gibt hier grad massenhaft Hjortron (Moltebeeren). Die schmecken also nicht nur mir so gut. Was ebenfalls massenhaft anzutreffen ist: Moskitos. Ich bin sogar gezwungen das Moskitonetz für den Kopf zu benutzen, so lästig sind die heute.

Der nicht mehr vorhandene Pfad bringt mich wie geplant zur Nunjesstugan auf dem Padjelantaleden. Padjelantaleden und Nordkalottleden sind ab Kvikkjokk identisch.

Wer dennoch bis Kvikkjokk geht, was empfehlenswert ist, der benötigt jedoch einen Bootstransfer in die Ortschaft am anderen Ufer des See. Am diesseitigen Ufer befindet sich ein Shelter und man meldet seinen Transfer telefonisch beim Fährmann an. Selbigen benötigt man ebenfalls um von Kvikkjokk aus dann auf den Padjelantaleden zu gelangen. Es gibt keine Möglichkeit übers Land zu gehen.

Ein Stück hinter der Tarrekaisestugan verlasse ich bereits wieder den Padjelantaleden und folge dem Nordkalottleden zur Pieskehaurestugan am gleichnamigen See.

Als ich mich Staloluokta nähere bekomme ich eine überwältigend schöne Aussicht auf den Virihaure, der umrahmt ist von schneebedeckten Bergen. Dazu scheint die Sonne und das Wasser des Sees wirkt genauso blau wie der Himmel.

In Stalo trifft der Nordkalottleden wieder auf den Padjelantaleden und sie verlaufen ab hier wieder ein Stück gemeinsam.

In einem kleinen Kiosk kann man sich mit den notwendigsten Lebensmitteln versorgen. Ich hatte zudem das Glück, dass es bei einem Ortsansässigen frisch geräucherten Röding (Lachsforelle) zu kaufen gab. Der Fisch hat so gut geduftet. Ich musste mich auf dem Weg zurück zum Zelt erstmal niedersetzen und ein gutes Stück davon verspeisen. Hochgenuss.

In Vajsaluokta am Akkajaure verlasse ich nun den Nordkalottleden, der jetzt ein Stück durch Norwegen führt. Warum? Nun im Jahr 2020 wurde aus sehr speziellen Gründen dringend davon abgeraten, die grünen Grenzen zwischen Schweden, Norwegen und Finnland auf Wanderwegen zu überschreiten.

So entschloss ich mich von Ritsem aus weiter zu gehen. Nur Ritsem liegt halt auf der anderen Seite des Akkajaure und um dorthin zu gelangen nimmt man das Boot oder den Helikopter. Da ich unglaublich gern mit einem Helikopter fliege und nicht so oft die Gelegenheit dazu habe, war ja klar was ich wähle. Von den 10 Minuten Flug habe ich jedenfalls jede Minute genossen. Noch dazu bei bestem Wetter.

Nach der Hukejaurstugan treffe ich wieder auf den Nordkalottleden, der aus Norwegen zurück kommt. Ich folge dem Tal Cuhcavaggi bis ins Tal Tjäktjavagge und stosse dort nördlich der Singistugorna auf den Kungsleden. Im Gebiet um die Hukejaurstugan und im Cuhcavaggi stapfe ich mal wieder durch reichlich Altschnee. Der amerikanische Hiker-slang nennt das Postholing, wenn man ständig durch die Schneedecke einbricht und nur mühsamst vorwärts kommt. Weiter unten im Tal gehe ich oft längere Strecken durch Wasser. Das Schmelzwasser hat weiträumig alles überschwemmt.

Ich habe seit dem Beginn meiner Wanderung nur sehr wenige Menschen getroffen, Wanderer noch weniger. Offensichtlich bin ich zu früh in der Saison unterwegs. Das wird sich jetzt auf dem Kungsleden wohl ändern.

Der Tjäktjapass ist der höchste Punkt auf dem Kungsleden und ein Highlight. Der Blick von der Passhöhe nach beiden Seiten ist beeindruckend. Was für gewaltige Täler in denen die Flüsse mäandern wie Riesenschlangen. 

Ein paar Tage später erreiche ich Abisko. Das Wetter ist nach ein paar wirklich schönen Sonnentagen seit gestern wieder mal regnerisch und kühl. Ich quartiere mich in der Fjällstation für eine Nacht ein. Bei deren Preisen bekomme ich immer leichte Schnappatmung. Aber wegen Wäsche waschen, Wäsche trocknen inklusive Zelt und Schlafsack, duschen und die Akkus aufladen muss es halt mal sein. Und ich will noch herausfinden wie ich jetzt weiter machen möchte. Eigentlich ist hier in Abisko finito. Ich könnte mit der Bahn oder Bus nach Kiruna gelangen und dann weiter bis Arvidsjaur. Aber irgendwie ist mir noch nicht danach. Letztendlich fasse ich einen Beschluss: Ich gehe auf dem Kungsleden zurück. Bis Kvikkjokk. Von dort nehme ich den Bus via Jokkmokk nach Arvidsjaur. Das fühlt sich gut an.